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Kardinal Wöelki zum Thema "Priestertum der Frau" in seiner Predigt am Fest Mariä Geburt (10.09.19)

Geschrieben von (pm) am 10.09.2019
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Liebe Schwestern, liebe Brüder,

„seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns“ (Mt 1,23).

Dieses Wort, das uns das Evangelium des heutigen Festtages schenkt, ist das Trostwort schlechthin.

Wir sind nicht allein, denn: dieses Wort ist Gottes Wort! Und das hat Wirkung gezeigt. Es ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt (Joh 1,14). Dieses Wort ist der ewige Gottessohn. Er ist Fleisch geworden –das heißt ein Mensch wie wir. Aus Maria, seiner Mutter, deren Geburtsfest wir heute begehen, ist er durch das Wirken des Heiligen Geistes geboren worden. Im Stammbaum des Matthäus-evangeliums ist dieses Kind der Zielpunkt aller dort genannten Generationen. Mehr noch: Es ist der Zielpunkt aller Geschlechter, nicht nur derer, die vor ihm geboren wurden. Wir gehen alle auf ihn zu! Denn „auf ihn hin ist alles geschaffen“ (Kol 1,16). Er ist der Zielpunkt der ganzen Schöpfung! Er ist der Zielpunkt aller Menschen, auch jedes einzelnen von uns. In ihm kommtdie Weltgeschichte ans Ziel! In ihm finden wir die Vollendung, die Fülle, das Glück des Lebens, das er selber ist. Um dieses sein Heilswerk durchzuführen hat Gott Maria von Ewigkeit her zur Mutter seines Sohnes erwählt. Dazu hat er sie mit seiner Huld umfangen und mit seiner Gnade erfüllt.

Was Maria ist, das ist sie allein durch Gottes Gnade. Sie ist das Kunstwerk seiner Gnade. Der Engel spricht deshalb Maria auch so in der Kammer von Nazareth an: Du Begnadete, sagt er zu ihr. Und wie nennt Maria sich selbst? Magd des Herrn, nennt sie sich. „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast (Lk 1,38). Sie bringt sich vor Gott als Magd, als Geschöpf, das keinen Anspruch vor Gott erhebt, sondern sich vielmehr dem Anspruch Gottes stellt und Gott an sich wirken lässt, was er will und wie er will. Sie gibt sich in Gottes Hände, auf das er mit ihr mache und aus ihr mache, was ihm gefällt. Und Gott macht etwas aus ihr. Er wirkt an ihr und in ihr die Wunder seiner Gnade. Diese Begnadung des Anfangs, die geht dann weiter. Indem Gottes Geist sie überschattet, empfängt sie aus der Kraft des
schöpferischen Gottesgeistes den Sohn des ewigen Vaters in ihrem Schoß und wird Gottesmutter. Sie trägt den in ihrem Schoß, in dem die ganze Fülle der Gottheit wohnt (Kol 1,19; 2,9). Indem Gott Maria so erwählt, macht er sie für uns zu einem Zeichen der Hoffnung.

enn in Maria zeigt Gott uns, was er mit uns allen vorhat und wozu sein Sohn die Kirche gestiftet hat. Denn so wie Maria von Ewigkeit her von Gott erwählt worden ist, so sind auch wir „erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott; er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Töchter und Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen, zum Lob seiner herrlichen Gnade“ (Eph 1,4-6). Damit, liebe Schwestern und Brüder, hat in Maria begonnen, was wir alle einmal sein werden. Sie, die von Anfang an aufgrund der Gnade Gottes vor jeglicher Sünde bewahrt wurde, und auch wir haben die Befreiung von der Sünde und alle Gnade allein durch das erlösende Leiden Jesu Christi empfangen. Auch Maria verdankt die Bewahrung vor der Sünde und die Fülle der Gnade dem Kreuz ihres Sohnes. Auch sie ist eine Erlöste! Die erste der Erlösten ist sie! Das Urbild der Erlösten! Nicht zuletzt deshalb verehren wir sie auch als Urbild und Anfang der Kirche.

Denn das allein ist die Aufgabe und die Sendung der Kirche: Den Menschen und der ganzen Welt ihre Erlösung durch Gottes Sohn zu verkünden und zu bezeugenund den Menschen den Weg zum Himmel zu weisen. Wie anders zeigt sich da heute oftmals die Kirche. Manchem ist sie ein rein soziologisches Gebilde geworden, das sich – geschlechtergerecht–dem politischen und gesellschaftlichen Mainstream anzupassen habe. Wie in einem Parlament ist man bei der Vorbereitung, unter Hinweis auf angeblich neuere wissenschaftliche Erkenntnisse – insbesondere der Sozial- und Humanwissenschaften – über Glauben und Lehre der Kirche – wie Politiker – zu verhandeln, sie zur Disposition zu stellen, um dann mit demokratisch gefassten Mehrheitsbeschlüssen eine sog. Reform der Kirche herbeizuführen, hinter der sich im letzten oftmals nichts anderes als eine Anpassung an das Denken der Welt verbirgt.

Ist so etwas möglich? Wie könnte dieKirche den vielfältigen, oftmals wider-sprüchlichen Erwartungen und Ansprüchen der Menschen von heute gerecht werden? Sie müsste sich selbst verbiegen! Sie müsste sich verzetteln und zu einem Supermarkt, einem Selbstbedienungsladen werden, wo sich jeder holt, was ihm gerade passt. Damit aber würde die Kirche sich selbst untreu. Sie würde ihre Identität verlieren und sich auflösen. Die Kirche ist nämlich nicht menschengemacht. Sie ist von Christus gestiftet. Das heißt dann aber auch: Wir können nicht einfachüber alles verfügen, wie wir wollen oder mit Mehrheit entscheiden, was Glaube und Kirche heute heißen soll. Uns ist etwas anvertraut worden, was wir bewahren müssen. Das gilt in besonderer Weise für die Sakramente, insbesondere für die heilige Eucharistie. Auch das Priestertum ist nicht von Menschen erfunden, sondern geht auf den Auftrag des Herrn zurück.

Wenn wir das ernst nehmen, wird klar, dass deshalb die Frage nach dem Priestertum der Frau auch keine Frage ist, die in unserer Verfügungsgewalt liegt. Papst Johannes Paul II. hat diese Frage mit aller Verbindlichkeit für die gesamte Kirche bereits 1994 entschieden und Papst Franziskus hat diese Entscheidung seines Vorgängers wiederholt bekräftigt. Der Blick auf die Gottesmutter zeigt uns deshalb heute Abend, worauf es im Leben der Kirche wirklich ankommt: Nicht auf das, was wir aus uns machen, nicht auf das, was uns eine säkularisierte Gesellschaft vorgibt, damit wir als Christen in ihr auf Verständnis und Akzeptanz treffen, sondern auf das, was Gott bereits aus uns gemacht hat. Zu Erlösten hat er uns gemacht,zu seinen Töchtern und Söhnen.

Deshalb müssen wir uns heute mehr denn je –wie Maria – öffnen für die Gnade Gottes und für das Wirken seines Geistes. Der nämlich will heute so in uns wirken, wie er damals an und in Maria gewirkt hat. Und wie wirkt er? In zweifacher Weise wirkt er. Er bindet uns zum einen hinein in Jesus Christus, in dem er uns zu Gliedern an dessen Leib macht, der die Kirche ist. Er schenkt uns auf diese Weise Anteil an Gottes Leben und verbindet uns so auf innigste Weise mit Gott, so innig, dass der Vater und der Sohn zu uns kommen und in uns wohnen (Joh 14,23). Und dann reißt er die Türen auf und sendet uns hinaus in die Welt, so wie Papst Franziskus dies in seinem Brief an das Volk Gottes in Deutschland einfordert, indem er uns dort klar aufgibt, uns an erster Stelle um eine Neuevangelisierung zu mühen. Es geht ihm für unser Land eindeutig um den Primat der Evangelisierung in allen unseren Bemühungen. Der Geist Gottes, liebe Schwestern und Brüder, bindet uns also an Jesus Christus. Er bindet uns an seinen Willen, an seine Person. Und zugleich sendet er uns in die Welt, damit wir ihr die Wahrheit von Christus bezeugen und wir Menschen für Christus gewinnen.

Deshalb darf die Kirche kein Closed Shop sein, der sich ängstlich von der Welt abkapselt. Aber sie darf auch nicht alles mitmachen, was die Welt so gerne von ihr hätte. Kardinal Höffner hat in diesem Zusammenhang immer an den Apostel Paulus erinnert, der den ersten Christen einst mit auf den Weg gab: Nicht wir auch, sondern wir dagegen! Wir müssen uns an Christus, an seinen Willen, an seine Person angleichen und gebunden bleiben. Ansonsten verlieren wir unsere Identität als Christen und damit als Kirche. Eine Kirche, die sich in ihrem Glauben der Welt anpasst, ist nicht das Werk des Heiligen Geistes, sondern das unseres Menschengeistes. Deshalb gleicht der Heilige Geist uns Christus an und sendet uns in die Welt, damit an uns, an der Art wie wir denken, sprechen, lieben, handeln, Christus erkannt wird und durch uns die Welt erleuchtet wird vom Licht Jesu Christi.

Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, dürfen wir am heutigen Abend, dem Geburtsfest der Gottesmutter, diese als Hilfe in bedrängter Zeit anrufen. Sie ist das Urbild der Kircheund uns damit ein Vorbild. Mit ihrer Bereitschaftserklärung dem Engel Gottes gegenüber: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38), hielt sie Gott ihr geöffnetes Herz hin. Gott hat es mit seinem Geist erfüllt, und so hatder Sohn in ihr menschliche Gestalt angenommen. Und sie hat durch ihren mütterlichen Dienst der Welt den Heiland geschenkt. Halten deshalb auch wir–wie Maria–Gott unser geöffnetes Herz hin, auf dass er uns mit seinem Geist erfülle und Christus in uns Gestalt annehme. Dann werden wir unsere Sendung in und an der Welt erfüllen und ihr das Wichtigste geben, das sie braucht:

„Christus, der über allem als Gott steht, er sei gepriesen in Ewigkeit.“ (Röm 9,5).

Amen.

(Quelle: Homepage des Bistums Köln, Ansprachen des Kardinals)


Letzte Änderung: 10.09.2019 um 07:48

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