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Kardinal Wölki zu Besuch in den USA und mit Bedenken bzgl. des angestrebten Synodalen Weges in Deutschland (10.09.19)

Geschrieben von (pm) am 10.09.2019
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Ein Besuch bei Freunden

Im Gespräch mit Robert Boecker schildert Kardinal Woelki seine Eindrücke von Begegnungen und Erfahrungen während seiner USA-Reise.
 
Kirchenzeitung: Acht Tage haben Sie sich jetzt in den USA aufgehalten und dort kirchliche Einrichtungen besucht. Was war der Anlass für die Reise?
 
Woelki: Ich habe in den vergangenen Jahren sehr viel Positives über die Entwicklung der Kirche in den USA gehört. Es war mir ein Anliegen, dorthin zu reisen und von den kirchlichen Aufbrüchen und von der Lebendigkeit amerikanischer Gemeinden zu erfahren. Es war mir auch sehr wichtig, aus erster Hand zu hören, wie dort die Neuevangelisierung erfolgt.
 
Kirchenzeitung: War dies die erste Reise in die Staaten?
 
Woelki: Es war meine vierte Reise in die USA, aber meine erste als Erzbischof von Köln.
 
Kirchenzeitung: Welche Erwartungen haben sie im Vorfeld der Reise gehabt?
 
Woelki: Man kann immer voneinander lernen. Ich habe mich gefragt, was können wir tun, wie können wir Bedingungen schaffen, dass eine Neuevangelisierung auch bei uns in Deutschland möglich ist. Es muss unser Ziel sein, das Evangelium zu den Menschen zu bringen und Christus berührbar zu machen. Ich habe gehört, dass dies in den USA häufig gelungen ist, etwa in den Hochschulgemeinden, den katholischen Schulen, den Ordensgemeinschaften und natürlich in den Gemeinden.
 
Kirchenzeitung: Gehörte zum Reiseprogramm auch der Besuch bei bischöflichen Mitbrüdern?
 
Woelki: Selbstverständlich. Wenn man als Bischof eine andere Diözese besucht, macht man einen Besuch beim Ortsbischof. Ich habe in New York Kardinal Timothy Dolan, in Boston Kardinal Sean O‘Malley und in Washington den neuen Erzbischof Wilton Gregory getroffen. 
 
Kirchenzeitung: War dies eine Begegnung mit alten Bekannten?
 
Woelki: Natürlich sind zumindest die Kardinäle alte Bekannte. Mit Kardinal Dolan zum Beispiel verbindet mich, dass wir 2012 im gleichen Konsitorium Kardinäle geworden sind. Seitdem sitzen wir im Konsitorium und im Konklave immer nebeneinander. Man kann sagen, es war ein Besuch bei Freunden. 
 
Kirchenzeitung: Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Gibt es Unterschiede zwischen der Kirche „drüben“ und hier bei uns?
 
Woelki: Ich war erstaunt, wie selbstverständlich es dort ist, als Christ und Katholik zu leben. Katholisch zu sein ist nichts, wofür man sich schämen müsste. Im Gegenteil: Für die Menschen, denen ich begegnet bin, ist es eine wirkliche Freude, ihr Katholischsein mit einer natürlichen Normalität zu leben. Das hat mich sehr bewegt. Überall wo ich war, bin ich auf ein sehr ausgeprägtes sakramentales Leben gestoßen. Die Eucharistische Anbetung, die sonntägliche Eucharistiefeier und die heiligen Messen in der Woche sind Essentials im Leben der Gemeinden, der Schulen und der Hochschulen. Dazu gehört auch immer ein Zugang zum Bußsakrament. Aus der bewußten Entscheidung, ein sakramentales Leben zu führen, so ist mein Eindruck, ergibt sich alles andere, was in den Gemeinden angeboten wird: an Katechesen, an Diakonalem, an Karitativem. Die Herzmitte ist überall die dezidierte Entscheidung, das Sakramentale in das Zentrum einer Seelsorge und des Gemeindeaufbaus zu stellen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Katholiken in den USA nicht um den „heißen Brei“ herumreden. Sie sprechen beherzt, selbstverständlich und mit Freude Dinge aus, die uns hier nicht mehr über die Lippen kommen. Ich habe immer betont, dass der Pastorale Zukunftsweg auch ein geistlicher Weg sein muss, der in die Jüngerschaft hineinführt. Das ist etwas, das ich überall in Amerika, wo ich war, angetroffen habe.
 
Kirchenzeitung: Kann man von der Kirche in den USA etwas lernen? 
 
Woelki: Es gibt in den USA das, was ich gerade beschrieben habe. Aber es gibt auch das Andere, das Absterbende, das Frustrierende. Genau so gibt es bei uns sehr lebendige Gemeinden und Gemeinschaften, die in einer ähnlichen Weise ihren Glauben leben und arbeiten. Auch bei uns gibt es Aufbrüche, das darf man nicht außer Betracht lassen. 
Die Aufbrüche in den USA, so meine Wahrnehmung, sind überall dort, wo es eine dezidierte Entscheidung auf das Zentrum hin gibt, auf die Mitte unseres Glaubens – Christus. Wo wir ihn feiern, wo wir ihm die Möglichkeit geben, in unser Leben hinein sprechen zu lassen, da gibt es Bewegung. Dies führt zu einer Haltung, die dazu ermutigt, sich auch gegen den Mainstream zu stellen.
 
Kirchenzeitung: Haben Sie während Ihrer Reise auch Gelegenheit gehabt, „an die Ränder der Gesellschaft“ zu gehen, wie es Papst Franziskus ausdrückt?
 
Woelki: Ich habe zwei verschiedene Schwestern- und eine Brüdergemeinschaften besucht, die sich ganz der Arbeit an den Rändern der Gesellschaft widmen. Die „Sisters of the poor“ kümmern sich um Obdachlose. Die Schwestern leben ausschließlich von dem, was sie sich selbst erbetteln. Das ist ein wichtiges Kriterium ihres Charismas. Die andere Gemeinschaft, die ich kennenlernen durfte, sind die „Sisters of life“. Sie kümmern sich um Frauen in schwierigen Lebenssituationen, um Frauen, die darüber nachdenken, ihr Kind abzutreiben, um Frauen, die alleinerziehend sind und kein Dach über dem Kopf haben. Und dann war ich noch bei den „Franziskanern der Erneuerung“. Dieser Orden, der in New York von Kapuzinern gegründet wurde, kümmert sich in der Bronx um Obdachlose. Sie wirken dort sehr segensreich, auch weil sie unter den Obdachlosen leben und weil sie Programme entwickelt haben, wie sie das Evangelium zu den Menschen, die auf der Straße leben, bringen können.
 
Kirchenzeitung: Haben diese Orden auch das Problem der Überalterung, wie es bei uns bedauerlicherweise an der Tagesordnung ist?
 
Woelki: Nein. Das Gegenteil ist der Fall. Es sind junge, dynamische Lebensgemeinschaften, die zum Teil einen Altersdurchschnitt von knapp über 30 Jahren haben. Aufgrund ihres evangelisierenden Anspruchs, der aus ihrem, auf die Eucharistie bezogenen Lebens resultiert, und wegen ihrer klaren diakonischen Ausrichtung sind sie für junge Menschen sehr attraktiv. Im Erzbistum Washington gibt es eine dominikanische Gemeinschaft, die innerhalb eines Jahres mehr als 50 Neuaufnahmen verzeichnen konnte.
 
Kirchenzeitung: Welche Begegnung hat den stärksten Eindruck auf Sie gehabt?
 
Woelki: Es war das Treffen mit den Franziskanern der Erneuerung. Mit welcher Radikalität sie ihre eigene Armut in der Bronx ganz in der Nachfolge des heiligen Franziskus leben, hat mich tief bewegt. Ich habe einen sehr positiven Eindruck von meiner Reise über die Kirche in den USA mit nach Hause gebracht. Natürlich gibt es in den USA auch Säkularisierungstendenzen. Auch geht die Sorge um, dass Menschen ihren Glauben verlieren. Aber ich habe überall die Bereitschaft gespürt, aufzubrechen. Nirgendwo ist mir in den acht Tagen etwas von der Resignation entgegengeschlagen. 
 
Kirchenzeitung: Sie sind als Fragender in die USA gefahren. Wollten Ihre Gesprächspartner auch Antworten von Ihnen? 
 
Woelki: Ich bin erstaunt gewesen, wie genau meine Gesprächspartner die kirchliche Situation in Europa und insbesondere in Deutschland verfolgen. Überall schlug mir die Besorgnis über die gegenwärtigen Entwicklungen in Deutschland entgegen. In vielen Begegnungen war die Sorge zu spüren, dass uns der „Synodale Weg“ auf einen deutschen Sonderweg führt, dass wir schlimmstenfalls sogar die Gemeinschaft mit der Universalkirche aufs Spiel setzen und zu einer deutschen Nationalkirche werden. Das kann niemand wollen, und wir sollten die Warnung sehr ernst nehmen. Viele meiner Gesprächspartner haben den Kopf darüber geschüttelt, dass wir in Deutschland bereit scheinen, das uns anvertraute Glaubensgut mutwillig zu verändern, weil es lautstark von uns gefordert wird. Offen wurde die Befürchtung geäußert, es könne so zu einer Spaltung der Universalkirche oder auch zu einer Spaltung der deutschen Kirche kommen. Natürlich ist man auch in den Diözesen Amerikas nicht vor den Fragestellungen gefeit, die uns bewegen. Aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass dort Antworten aus dem Glauben der Universalkirche gegeben werden und nicht in Form eines nationalen Alleingangs oder einer theologischen Selbstüberschätzung.
 
Kirchenzeitung: Was bedeuten Ihnen die Aussagen Ihrer Gesprächspartner?
 
Woelki: Ich fühle mich in meiner Haltung bestärkt. Ich glaube, dass der Weg, wie er gegenwärtig in Deutschland angestrebt wird, große Gefahren in sich birgt – vor allem mit Blick auf eine Spaltung innerhalb der deutschen Kirche. Der Papst hat uns in seinem Brief eindeutig gebeten, den „Sensus Ecclesiae“, den „Glaubenssinn der Kirche“, zu wahren und in der Einheit mit der Universalkirche und dem Glauben der Kirche zu verbleiben. Ich kehre ermutigt heim und habe auf dieser Reise ganz konkret gespürt, was es heißt, zur katholischen Weltkirche zu gehören. Dieses Verbindende über alle nationalen Grenzen hinweg ist sehr kostbar, gerade für uns Deutsche. Wir sollten daran festhalten.
 
(Quelle: Kirchenzeitung - Köln vom 06.09.19)

Letzte Änderung: 10.09.2019 um 07:36

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