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Was ist unter stellvertretender Sühne im katholischen Glauben zu verstehen?

Geschrieben von (pm) am 06.07.2012
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Was ist unter stellvertretender Sühne im katholischen Glauben zu verstehen?

Mit Auszügen aus einem Vortrag von P. Prof. Dr. Bernhard Vosicky (Heiligenkreuz)

Grundlage: 1 Joh. 2, 1: „Er ist die Sühne für unsere Sünden …“

Teil des Gebetes aus dem Barmherzigkeitssonntag, das Jesus an die hl. Schwester Faustina Kowalska weitergegeben hat: „Ewiger Vater, ich opfere Dir auf den Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit Deines über alles geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, zur Sühne für unsere Sünden und für die Sünden der ganzen Welt. “ …

Teil des Gebetes, das der Engel die Kinder in Fatima lehrte: … „Heiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, ich bete dich an aus tiefster Seele und opfere dir auf den kostbarsten Leib, das Blut, die Seele und die Gottheit unseres Herrn Jesus Christus, der in allen Tabernakeln der ganzen Welt gegenwärtig ist, zur Genugtuung für die Schmähungen, Sakrilegien und für die Gleichgültigkeit, durch die er selbst beleidigt wird.“ …

Begriffserklärung:

Das ist die Interpretation von 1 Joh. 2, 1, eigentlich die Verbalisierung, die `Ver-wortung` hinein in das Gebet. Der Begriff Sühne wird vielerorts nicht mehr richtig verstanden. Für eine Untat muss ich büßen, zum Beispiel, wenn ich falsch geparkt habe und einen Strafzettel erhalte. Dann ist das eine Wiedergutmachung für mein Vergehen. Wenn ich aber für einen anderen Büße, also nicht für mich, dann sprechen wir von Sühne. Stellvertretend zu büßen, heißt zu sühnen. Also ist als Faustregel zu merken, dass die Buße immer für mich und die Sühne für andere ist. In der Theologie sprechen wir vom Entsündigen, welches Jesus und Maria (da Sündenlos) stellvertretend auf sich genommen haben, für andere. Also beiden haben demnach nicht gebüßt, sondern gesühnt. Auch wir Menschen sind fähig, für andere stellvertretend zu sühnen.

Beispiele für sühnende Menschen:

Gerade die Kinder von Fatima waren große Sühne- und Opferseelen. Sie taten es auf den Wunsch der Gottesmutter hin, um mitzuhelfen, dass andere Menschen, die nicht für ihre Vergehen sühnen, in die Hölle kommen. Der Sühnende bewahrt durch sein Gebet für andere, durch sein Leid für andere und durch sein Opfer für andere Menschen, diese vor dem Feuer der Hölle. Es handelt sich dabei um Seelen, die Gott allein kennt und die ohne Sühne nicht in den Himmel kommen werden, weil sie selbst in der Todsünde leben, aber nicht bußfertig sind und nicht bereuen. Vielleicht sogar ihre Sünden gegenüber Gott glorifizieren oder als heroische Taten hinstellen. Sühne ist also ein Einstehen für die, welche es nicht mehr für sich und ihr Leben tun. Die Mystikerin Marthe Robin sagte zu diesem Thema: „So lange es auf Erden Menschen gibt, die leiden, kämpfen und auf Irrwegen gehen, werde ich für sie eintreten. Ich werde für sie eintreten, sie lieben und ihnen ihre wahre Heimat zeigen.“ Das ist Sühne, sühnende Hilfe. Im Kolosserbrief (1, 24) schreibt der Apostel Paulus, der im Gefängnis sitzt: „Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leiden das, was an den Leiden Christi noch fehlt.“ In der revidierten Lutherübersetzung heißt es verständlicher: „Ich leide für seinen Leib, für seine Kirche.“ Paulus büßt im Gefängnis nicht nur für seine eigenen Sünden (Christenverfolgung, Beihilfe zum Mord), er sühnt auch für die Sünden seiner Schwester und Brüder im Glauben.

Die Bedeutung der Stellvertretung im priesterlichen Dienst:

Bei jeder Eucharistiefeier ist der Priester nicht nur handelnder, er ist auch Werkzeug Gottes, weil er in Persona Christi handelt, der sich als lebendige Opfergabe für die Sünden aller Menschen hingegeben hat. Musterbeispiel dieses Ereignisses war der heilige Pater Pio von Pietrelcina, der 50 Jahre lang diese Leiden an seinem Körper trug. Er opferte sie auf, zur Sühne und zur Heiligung der Priester. Nicht indem er sich übertriebene Opfer auferlegte, sondern indem er sein Leben als gottgefälliges Opfer annahm. Paulus beschreibt dieses Lebenskreuz, das jeder von uns trägt im 2. Korintherbrief, im sechsten Kapitel: Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr seine Gnade nicht vergebens empfangt. … In allem erweisen wir uns als Gottes Diener: durch große Standhaftigkeit, in Bedrängnis, in Not, in Angst, unter Schlägen, in Gefängnissen, in Zeiten der Unruhe, unter der Last der Arbeit, in durchwachten Nächten, durch Fasten, durch lautere Gesinnung, durch Erkenntnis, durch Langmut, durch Güte, durch den Heiligen Geist, durch ungeheuchelte Liebe, durch das Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit in der Rechten und in der Linken, bei Ehrung und Schmähung, bei übler Nachrede und bei Lob. Wir gelten als Betrüger und sind doch wahrhaftig; wir werden verkannt und doch anerkannt; wir sind wie Sterbende und seht: wir leben; wir werden gezüchtigt und doch nicht getötet; uns wird Leid zugefügt und doch sind wir jederzeit fröhlich; wir sind arm und machen doch viele reich; wir haben nichts und haben doch alles.“ Wenn das nicht das alltägliche Leben widerspiegelt, was dann? Denn das Sühneopfer des Herrn auf Golgotha ist ein für allemal geschehen und unüberbietbar. Aber es ist nicht bei jedem Menschen angekommen, wird nicht von jedem akzeptiert, schuldig oder schuldlos, vom Teufel verhindert oder wie auch immer. Hier erhält das Messopfer seine eigentliche Bedeutung: Stellvertretend tritt der Priester in Persona Christi ein, um Gnade und Sühne für all jene zu erbitten, denen die rechte Disposition fehlt, zum fruchtbaren Empfang der Gnade der Erlösung durch Jesus Christus. Auch der heilige Pfarrer von Ars hat so die Menschen in seiner Gemeinde am Erlösungsopfer Christi teilhaben lassen, wie man weiß, mit überwältigendem Erfolg.

Warum der Sühnetod Jesu?

Man könnte ihn auch als ein stellvertretendes Leiden und Sterben beschreiben. Der Tod ist die Folge der Sünde und Christus ist der, der keine Sünde kennt und der dem Tod nicht unterworfen ist. Er aber unterwirft sein Leben freiwillig dem Tod, um uns das ewige Leben zu schenken. Denken wir nur einmal an Pater Maximilian Kolbe, der im Konzentrationslager Auschwitz 1941 für einen Familienvater freiwillig in den Tod geht, damit dieser Leben kann. Das versteht jeder. Ein solches Opfer aber für alle Menschen aller Zeiten zu bringen, das kann nur Gott! Deshalb wird Jesus Mensch, um allen Menschen zu erlösen aus der Sünde und ihnen so das ewige Leben neu anzubieten, das mit der Sünde und dem daraus resultierenden Tod bereits für uns alle verloren war. Niemand konnte mehr in den Himmel kommen, er war verschlossen, bis Christus ihn für uns wieder geöffnet hat. Wer Probleme mit der Sühne hat, sollte sich einmal gewissenhaft die Frage stellen: „Was hat Jesus für mich getan und warum?“ Und die Gegenfrage: „Was tue ich für ihn und warum?“  

Weiterführende Literatur dazu:

P. Prof. Dr. Karl Wallner (Heiligenkreuz), Sühne – heute aktuell?, Wien 1999, 167 Seiten, ISBN: 3-9501016-0-8;


Letzte Änderung: 07.07.2012 um 08:38

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