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Zum Nachdenken: "Wache auf, heilige Mutter Kirche, es ist schon eine halbe Stunde nach Mitternacht und das Öl in unseren Lampen neigt sich zu Ende, die Flamme ist am Erlöschen." (01.11.19)

Geschrieben von (pm) am 01.11.2018
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Die lange Schönwetterperiode dieses Spätherbstes veranlasste mich, einige Tage in den österreichischen Bergen zu verbringen. So besuchte ich in einem Ort, der winters wie sommers ein beliebtes Touristenziel ist, die Vorabendmesse, die aufgrund der angesetzten Zeit eher eine Samstag-Nachmittagsmesse war. Der „Seelsorgeraum“ ist zu ausgedehnt, um andere Zeiten für die Sonntagsmesse zuzulassen.

Beim Betreten der Kirche bietet sich mir zunächst das auch aus der Großstadt vertraute Bild: eine große Kirche mit leeren Bänken, wenige, verstreut sitzende Frauen im mittleren und reiferen Alter, noch viel weniger ältere Männer, zwei Jugendliche, ein etwa Zehnjähriger. Fast alle haben ihre Plätze im hinteren Teil der Kirche eingenommen, die vordere Hälfte ist gähnend leer. Der Priester befindet sich allein im Altarraum, immerhin hat der - nicht vorhandene - Gesang des „Volkes“ eine Orgelbegleitung.

Die Messe wird in einem atemberaubenden Tempo - ja, was eigentlich? - denn „gefeiert“ kann ich nicht wirklich sagen. Das Schuldbekenntnis wird weggelassen, ebenso die erste Lesung, damit auch der Psalm. Für die Liedauswahl hat man sich nicht sehr bemüht, das Gloria ist die zweite Strophe des Eingangsliedes, die dritte wird dann zum Sanctus gesungen werden. Das Halleluja wird vom Priester so rasch gelesen, dass die Gläubigen nicht einmal aufstehen. Die Predigt ist zwangsläufig kurz und in ihr wird ausgerechnet ein Ausspruch von Martin Luther (!) zitiert, allerdings nicht als Kritik, sondern als Orientierung. Das Credo wird so rasch - jetzt muss ich wirklich sagen: heruntergeleiert - dass ich nicht einmal mit dem Denken nachkomme, mit dem Sprechen schon gar nicht. Die Fürbitten werden weggelassen. Wie der uns Christen heiligste Teil der Messe vollzogen wird, überlasse ich der Phantasie des Lesers. Als Danklied wird das Marienlied gesungen, das eigentlich nach dem Schlusssegen seinen Platz hätte, aber ein Schlusslied würde wohl den Zeitrahmen sprengen. Gegen meinen Grundsatz, in der Kirche nicht auf die Uhr zu schauen, tue ich dies und stelle fest: diese Vorabendmesse, die einzige Sonntagsmesse in diesem Tal, hat genau 30 Minuten gedauert! Voll mit den Eindrücken des zu Ende gehenden strahlenden Herbsttages bin ich nicht einmal noch richtig angekommen und muss die Kirche schon wieder verlassen. Allerdings gehe ich nicht, wie sonst nach dem Gottesdienst gestärkt und getröstet in die neue Woche, ganz im Gegenteil, in mir verkrampft sich alles und mir ist zum Weinen zumute.

Als katholische Christen glauben wir daran, dass sich in der Feier der Heiligen Eucharistie uns bereits hier und jetzt die Herrlichkeit Gottes öffnet, sein Gnadenstrom fließt auf unsere Altäre, wir dürfen einen Blick in die Ewigkeit werfen, für einen Augenblick wirkt der Himmel in unsere Welt hinein, werden Himmel und Erde eins. Unser Körper verfügt über keinen Schalter, den wir betätigten könnten, um den Alltag von einem Augenblick zum anderen hinter uns zu lassen und unseren Geist frei zu machen für die Begegnung mit dem Herrn. Die Vorbereitung im Wortgottesdienstteil bedarf also einer gewissen Zeit. Wie können wir dieses größte aller Wunder erahnen, wie können wir Christus begegnen, wenn wir uns für sein Wort und sein Opfer keine Zeit nehmen? Wozu - und das fragte ich mich wirklich, hatte ich an dieser Messe teilgenommen? Ja, ich war anwesend, aber ein Mitfeiern war mir nicht möglich. Ob sich die andern Gläubigen das auch fragten? Warum waren sie hier? Aus Gewohnheit? Oder um Christus im Feiern seines Todes und seiner Auferstehung zu begegnen? Dann leiden sie wohl jeden Sonntag, so wie ich an diesem Tag gelitten habe, denn alles, was uns zum Geheimnis des Glaubens hinführen soll, war nur mehr rudimentär vorhanden. Dies ist, das möchte ich betonen, keine Kritik an dem Priester, denn ich weiß, dass es in vielen Kirchen nicht anders ist. Die Katastrophe hat eine weitaus größere Dimension und schreitet unaufhaltsam fort.

Während meines Aufenthaltes in den Bergen lese ich ein Buch, welches das Leben der Bewohner dieser Gegend während der Nachkriegsjahre beschreibt. Für viele Menschen, v.a. für Frauen, war es selbstverständlich, täglich frühmorgens einen oft stundenlangen Weg auf sich zu nehmen, um den Werktagsgottesdienst zu besuchen. Das taten sie sicher nicht, um gesehen zu werden oder aufgrund gesellschaftlichen Druckes. Nein, die Kirche war auch während der Woche voll, weil die Menschen Gott die Ehre geben wollten und sich dadurch Kraft für die harte Arbeit holten, die das Leben in den Bergen mit sich brachte. Jedem von uns ist die Sehnsucht nach Gott einprogrammiert, aber heute wissen viele nicht mehr, diese Sehnsucht zu deuten, Halt und Orientierung, nach denen sie hungern, werden ihnen nicht mehr gegeben. In unserer Gesellschaft vermeint man manchmal förmlich den Schrei zu hören, nach Dem, Den sie verloren hat. Im Grunde genommen suchen Ihn die Menschen überall, nur nicht mehr in der Kirche. Warum wohl? Weil unserem Glauben dort keine Ausdrucksform mehr gegeben wird, die uns das Herz aufgehen lässt und uns eine andere, unendlich größere Dimension erahnen oder manchmal sogar erfahren lässt. Wir sind Menschen und somit von unseren Sinnen abhängig, wir brauchen Formen und Riten, sie helfen uns. Es wäre Zeit, sie wieder einzuüben.

Die katholische Kirche in Westeuropa liegt im Todeskampf, noch nie zuvor ist mir das so bewusst geworden, wie während dieses Gottesdienstes in einem österreichischen Alpental. Ich will hier keine Analyse anstellen, wie es dazu kommen konnte. Wenn ein Patient in einem so kritischen Zustand ist, wird die Anamnese unwichtig, einzig die Intensivtherapie kann ihn vielleicht noch retten, aber auch für diese schließt sich irgendwann das Zeitfenster.

Zwei Fragen brennen in mir an diesem Abend. Erstens: hätte der heilige Apostel Paulus oder einer der Kirchenväter an diesem Gottesdienst teilgenommen, hätte er uns dann noch als Christen erkannt, die den Tod und die Auferstehung ihres Herrn feiern, Ihm Ehrfurcht erweisen und dadurch auch voreinander Zeugnis geben? Zweitens: Was können wir von einer Neuevangelisation erwarten, wenn die Spiritualität nicht zurückkehrt in unsere Kirchen, wenn Gott nicht die gebührende Ehrfurcht erwiesen wird, wenn das Gedächtnis Seines Leidens und Seines Todes nicht in würdiger Weise gefeiert wird? Wie kann man auch nur annehmen, Menschen die Transzendenz Gottes erfahrbar zu machen mit diesem kirchlichen Minimalismus?

Das Wort Christi mag uns trösten, dass die Kirche nicht zerstört werden kann, aber wir haben keine Zusage, ob das auch auf die Kirche in Europa zutrifft. Wache auf, heilige Mutter Kirche, es ist schon eine halbe Stunde nach Mitternacht und das Öl in unseren Lampen neigt sich zu Ende, die Flamme ist am Erlöschen.


Letzte Änderung: 01.11.2018 um 17:05

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