Betrachtungen

Leidensbetrachtungen 6-10

Geschrieben von (ksf) am 16.10.2011
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Nr. 6

 

Punkt IV - Die Hohen Priester bringen gegen Jesus vor, dass, wenn man ihn am Leben ließe, bald alle an ihn glauben würden. Sodann kämen die Römer, um der Nation ein Ende zu machen. Während nun alle Anwesenden die Angelegenheit als wichtig darzustellen suchen, erhebt sich Kajaphas und erklärt, dass die Todesverurteilung Jesu Christi zum Wohle aller sei. Man hat, so lautet seine Erklärung, weder Unschuld noch Gesetz zu berücksichtigen, sondern einzig und allein, was zweckmäßiger und vorteilhafter erscheint. Kaum hat er ausgesprochen, stimmen ihm alle bei, und die verhängnisvolle Verschwörung wird sofort unter dem Vorwand des gerechten Eifers fortgesetzt.

Betrachtung - Man bedenke, wie bei diesem Gericht über Jesus Christus das Gewissen nicht beachtet und die Furcht Gottes beiseite geschoben wird. Als Richtschnur dienen nur menschliche Vorteile und Rücksichten. Hätten diese Menschen die Wahrheit aufrichtig gesucht, sonnenklar hätte sich ihnen der Glaube an den erschienenen Heiland aufgedrängt. Allein aus Liebe zum Irdischen verschmähen sie ihn und verschwören sich gegen seine Person. Und so verlieren sie beides, die zeitlichen und die ewigen Güter.

Ist dies nicht auch bei mir der Fall? Wenn mich eine Leidenschaft beherrscht, so scheint es mir, dass ich in allem aus echter Überzeugung handele, und jeder kleine Hinweis ist für mich eine Bestätigung, sofern er nur meiner Neigung zusagt. Auch wenn ich sündige, suche ich immer, was meinem sinnlichen Begehren genehm ist. So verschwöre ich mich eigentlich mit meinen Leidenschaften gegen den Mensch gewordenen Sohn Gottes, indem ich bald in einer Empfindlichkeit, bald in einem Vergnügen, bald in einem schändlichen Gewinn irgendeinen Vorteil zu finden glaube. Aus ungeordneter Eigenliebe hänge ich zu sehr an den Bequemlichkeiten und Vergnügungen des gegenwärtigen Lebens. Die Eigenliebe ist es, die mir schmeichelt, die mich blendet und mein ganzes Unheil verursacht. Wie groß ist doch mein Elend, dass ich, wohin ich auch gehen mag, immer diesen meinen größten Feind mit mir herumtrage.

Zwiegespräch - Wo ist meine Vernunft und mein Glaube, o Gott, wenn ich ein eitles Vergnügen höher achte, als deine heilige Gnade und mein ewiges Heil? Was nützt mir jedes zeitliche Wohlergehen, wenn es mit deiner Beleidigung und mit dem Verlust meiner Seele verbunden ist? Soll ich mein Glück hier in einer kurzen Freude suchen, um dann dort ewige Qualen zu erleiden? Gib mir, o Gott, einen aufrichtigen, vorsichtigen und starkmütigen Geist, damit ich mich immer von der Wahrheit leiten lasse, dass ich mein wahres Glück und mein Heil nur in dir finden kann. Du bist mein höchstes Gut und mein Alles in Zeit und Ewigkeit.

Vorsatz - Ich will nicht blindlings zu etwas Zuneigung oder Abneigung hegen, denn gar leicht könnte ich mich durch ein Vorurteil betrügen. Gott wird mich einmal auch über die Grundsätze meines Gewissens richten, die ich mir nach meiner Willkür gestalte.

 

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Nr. 7

 

Punkt V - Die Versammlung der Vorsteher der Synagoge ist eine Zusammenrottung der Boshaften, um den höchsten Herrn und Erlöser zu ermorden, wie es der Prophet vorhergesagt hatte. Dennoch wird dabei nichts beschlossen, was nicht schon im Himmel vorher bestimmt worden war. Kajaphas tut den Ausspruch, dass es besser sei, wenn ein Mensch für das Volk stirbt, und gerade so entspricht es dem Ratschluss Gottes. Da nach göttlichem Urteil alle Kinder Adams dem Tod verfallen waren, gibt es zu deren Erlösung und Heil kein anderes Mittel, als dass für sie ein Gottmensch stirbt. Kajaphas spricht nur aus Bosheit, doch diese dient nur der göttlichen Weisheit und es wird nur ausgeführt, was schon von Ewigkeit her festgesetzt worden war.

Betrachtung - Erwäge, meine Seele, dass dem Herrn Jesus alles bekannt ist, sowohl was man auf Erden gegen ihn zu tun beabsichtigt, als auch, was im Himmel beschlossen ist. Mit welcher Ergebung demütigt er sich, um in der Ungerechtigkeit der Menschen die Gerechtigkeit Gottes anzubeten. Wie übt er doch in seinem Herzen die erhabensten Tugenden! Welch ein Beispiel für mich, ihm nachzufolgen in der Erfüllung der mir aufgetragenen Pflichten! Oft beklage ich mich und bin erbittert, wenn man etwas Böses gegen mich redet, oder wenn ich meine, dass mir Unrecht geschieht. Begegnet mir etwas Widriges, so werde ich niedergeschlagen und verwirrt. Wieso ist dies möglich? Einzig deshalb, weil ich blindlings in die Welt hineinlebe. Ich unterlasse es, meinen Blick höher zu erheben und zu bedenken, dass sich alles aus gerechter und verborgener Fügung Gottes so und nicht anders ereignet.

Zwiegespräch - Mein Gott, Herr aller Tugenden, präge meiner Seele die Glaubenswahrheit ein, dass man in allem was auf deine Anordnung hin geschieht, deine Gerechtigkeit und dein Erbarmen anbeten muss. Fest soll von nun an mein Entschluss stehen, mich demütig deiner Allmacht in allem zu unterwerfen. So ist es meine Pflicht, und so will ich es halten, nur fürchte ich, dass es mir an Standhaftigkeit fehlen wird, diesem Vorsatz treu zu bleiben. Aus unzähligen Erfahrungen ist mir meine Unbeständigkeit bekannt, darum stehe du mir bei mit deiner Gnade. Gib, dass ich jene Ereignisse, die mir zuwider sind, als von dir gesandt ansehe, damit ich sie in Demut und Ergebenheit annehme. Bestärke mich in der Überzeugung, dass sie von deiner Barmherzigkeit über mich verhängt werden, damit ich sie in Geduld ertrage. Schenke mir ein beständiges Vertrauen auf dich, wenn ich auch mein Leben verlieren sollte.

Vorsatz - Um Jesus Christus nachzufolgen, werde ich aus dem Bösen Gutes ziehen, jeden lieben, der mich hasst, für meine Beleidiger beten und bei Gelegenheiten, die mich zur Ungeduld reizen, den Herrn loben.

 

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Nr. 8

 

Jesus Christus beim Mahle zu Bethanien

 

Punkt I - Jesus Christus will, dass in der Geschichte seines Leidens vermerkt wird, was Magdalena sechs Tage vor seinem Leiden beim Mahle zu Bethanien ihm zu Ehren getan hat. Magdalena, zuerst Sünderin, dann Büßerin, ist jetzt, da sie ein Gefäß mit Balsam über das Haupt und die Füße des Erlösers ausgießt, auf einer hohen Stufe der Vollkommenheit. Durch die Salbung des Hauptes bekennt sie den Glauben an seine Gottheit, durch die Salbung der Füße den Glauben an seine Menschheit. Bei der Salbung des Hauptes deutet sie auf die Liebe zu Gott, bei der Salbung der Füße auf die Liebe zum Nächsten hin. Sie lehrt uns, dass hierin die christliche Vollkommenheit besteht.

Betrachtung - Magdalena war die Erste, die Jesus Christus bei seinem schmachvollen Tod im vorhinein Ehre erwiesen hat, indem sie seinen Leib mit Balsam salbte, wie man hohe Persönlichkeiten vor dem Begräbnis zu salben pflegt. Es ereignet sich dabei aber etwas Merkwürdiges. Es erheben sich einige um zu tadeln, dass sie unvernünftig handele, indem sie eine so kostbare Salbe vergießt. Mit unerschütterlichem Großmut jedoch, lässt sie sich tadeln und vollbringt, was sie begonnen hat. Sie nimmt keine Rücksicht auf das Gerede und die Urteile der Menschen. Es genügt ihr zu wissen, dass sie eine Handlung vornimmt, die dem Herrn Jesus wohlgefällig ist. Darum hat es auch Jesus gefügt, dass sie in der ganzen Welt Ehre erlangen sollte.

Es gibt für mich allen Grund, Magdalena zu meiner Lehrerin und Fürbitterin zu erwählen. Diese Heilige ist glücklich, Jesus gesalbt zu haben. Habe nicht auch ich die freie Wahl, Gleiches zu tun? Man salbt das Haupt Jesu Christi mit Anmutungen der Liebe zu Gott, man salbt seine Füße mit Werken der Liebe gegen den Nächsten. Was hindert mich also daran, diese Tugenden zu üben?

Zwiegespräch - Mein Gott, ich erkenne zwar, was ich tun müsste, ich könnte und möchte es auch vollbringen, aber ich unterlasse es dennoch. Beim Gebet nehme ich mir öfter vor, ganz für deine Liebe zu leben, auch geistige und leibliche Werke der Barmherzigkeit dem Nächsten gegenüber zu vollbringen. Wenn sich aber Gelegenheiten dazu bieten, wie bin ich dann so unentschlossen und träge! Aus Eigenliebe lasse ich mich von menschlichen Rücksichten beherrschen und entziehe mich wegen jeder Kleinigkeit den Werken der Frömmigkeit. Ja, um den Menschen nicht zu missfallen, unterlasse ich es, dir, o mein Gott, zu gefallen. O mein Jesus, der du die Gnade des Heiligen Geistes in das Herz Magdalenas eingegossen hast, noch bevor sie den Balsam über dich ausgoss, salbe und belebe mit dem gleichen Liebesgefühl auch mein Herz. Heilige Magdalena, bitte für mich, dass ich in dieser Geistesstärke verharre und mich nicht durch menschliche Rücksichtnahmen beirren lasse.

Es lebe Jesus! Es lebe die Tugend! Mögen die Menschen sagen, was sie wollen, Gott wird meine Stärke sein!

Vorsatz - Magdalena erwiderte denen, die sie verspotteten, nichts, deshalb verteidigte sie Jesus. So wird Jesus Christus sich auch meiner annehmen, wenn ich die bösen Zungen in Demut und Geduld ertrage.

 

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Nr. 9

 

Punkt II - Einer von denen, die Magdalena Böses nachsagen, ist Judas, der mit der Verwaltung der Almosen betraut ist, und aus diebischer Gewohnheit Manches für sich zu unterschlagen pflegt. Er ist verärgert, weil ihm dieser Balsam nicht als Liebesgabe ausgehändigt worden ist, da er ihn hätte verkaufen und einen Teil des Erlöses sich hätte aneignen können. Deshalb spielt er nun mit dem Gedanken, Jesus selbst zu verkaufen, um sich für den beabsichtigten, aber fehlgeschlagenen Diebstahl zu entschädigen.

Betrachtung - Man erwäge, wie jener Balsam, der Magdalena zum Wohlgeruch der Heiligkeit gereicht, dem Judas zu geheimer Bosheit Veranlassung gibt. Nicht erst jetzt fängt der Unselige an, ein Sünder zu werden. Er war schon an Veruntreuung gewöhnt, und in seiner Geldgier liegt die Ursache, dass es ihn nicht schaudert bei dem Gedanken, seinen göttlichen Herrn zu verraten. Man bedenke auch, dass Jesus Christus, der um die Bosheit des Judas weiß und sie durchschaut, ihn dennoch aus der Gemeinschaft nicht ausschließt und den Umgang mit ihm nicht verschmäht, sondern ihn geduldig erträgt. Was sollen wir lernen aus dem Beispiel des Judas? Was aus dem Beispiel Jesu Christi?

Zwiegespräch - Wie vieles missbrauche ich zur Beleidigung Gottes, das ich zu seiner Ehre einsetzen sollte? Wozu dient mir der Körper? Wozu die Seele? O mein Gott, welch vielfältiger Missbrauch! Alles in mir sollte dir zur Ehre und meinem Nächsten zum guten Beispiel sein; aber wie verkehrt ist doch mein ganzes Wesen. Ach, mein Jesus, wenn ich unwürdig bin, die Gnade zu empfangen, dich wie Magdalena zu lieben, so verleihe mir wenigstens die Gnade, dich nicht wie Judas zu verraten. Gewähre mir die Gnade, meine vorherrschende Leidenschaft zu erkennen und zu bekämpfen, damit sie mir nicht Ursache zum Verderben wird.

Wenn ich dann sehe, o mein Erlöser, dass du unter deinen Aposteln einen haben wolltest, der dir immerfort mit schweren Beleidigungen Gelegenheit geben sollte, Geduld zu üben, finde ich darin die Aufforderung, dir nachzufolgen, wenn ich mit Menschen zusammen sein muss, die mir ihrer Fehler wegen lästig fallen. O Jesus, welch großer Unterschied besteht zwischen dir und mir? Du, der Heiligste, erträgst den Judas, und ich, mit meinen vielen Fehlern und Mängeln, habe weder Nachsicht noch Geduld mit Menschen, die nicht nach meiner Gesinnung sind. Ich nähre Widerwillen, Abneigung, und Verbitterung und entrüste und beunruhige mich über jede Kleinigkeit. Ich möchte, dass andere sich nach meiner Laune richten, während ich nicht bereit bin auf sie Rücksicht zu nehmen. Wie störrisch und stolz bin ich! Liebevollster Jesus, verleihe mir, dass ich von dir lerne, meinen Nächsten zu lieben, und zwar ohne menschliche Heuchelei oder kluge Verstellung, sondern mit christlicher Geduld und aus Liebe zu Gott.

Vorsatz - Die Selbstverleugnung, die ich durch die liebevolle Behandlung der Personen, die mir lästig sind, übe, will ich von nun an praktizieren und hoch schätzen. Es ist überaus verdienstlich, Geduld zu haben, um die brüderliche Liebe und Eintracht zu bewahren.

 

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Nr. 10

 

Der Einzug Jesu Christi in Jerusalem

 

Punkt I - Da Jesus Christus weiß, dass die Zeit seines Leidens herannaht, will er sich auch dem Ort nähern, an dem er leiden soll, nämlich der Stadt Jerusalem. Hieraus kann man erkennen, dass er selbst danach verlangt, zu leiden und freiwillig danach trachtet. Er hatte sich schon öfter in diese Stadt begeben, jedoch nie mit so feierlichem Einzug, wie jetzt, wo er es erlaubt, dass man ihn mit Triumph und Jubel begleitet. Nichts geschieht dabei ohne Geheimnis. Jesus Christus zieht mit Freuden in Jerusalem ein, weil er dem schmerzvollen Kreuzestod entgegengeht. Je näher der Zeitpunkt heranrückt, die Welterlösung am Kreuze zu vollenden, desto mehr entflammt sich in seinem Herzen inbrünstige Liebe.

Betrachtung - Bemerkenswert ist dieser Einzug, da er prächtig und demütig zugleich ist. Er kommt nicht in Purpur gekleidet auf goldschimmerndem Wagen, mit zahlreichem Gefolge und Dienerschaft, sondern in einfachem Gewand auf einem gewöhnlichen Lasttier. Er will nicht wie ein Mächtiger gefürchtet, sondern als ein Beispiel von Sanftmut geliebt werden. Die Volksscharen säumen die Straßen, singen Loblieder und tragen Ölzweige voran, um die Ankunft eines friedliebenden Königs zu verkünden. Wenn man das bescheidene Benehmen dieses Königs betrachtet, nimmt man sogleich wahr, dass er in Sanftmut erscheint, nicht um seine Untertanen zu unterdrücken, sondern um sie aufzurichten und ihnen das Heil zu bringen. Bewundern wir doch seine Liebe und Demut.

Zwiegespräch - Warum, o guter Jesus, beeilst du dich so sehr um zur Schmach, zu den Geißeln, zu den Dornen und zum Kreuze zu gelangen? Es wundert mich nicht, dass sich die Märtyrer mit Freuden den Todesqualen unterzogen, denn sie litten aus Liebe zu dir. Für wen aber unterwirfst du dich dem Leiden? Für mich! Und weil du für mich leiden willst, zeigst du eine so freudige Eile. Dies übersteigt alle meine Begriffe, und ich kann nur ausrufen: O Liebe Jesu, unermessliche Liebe! Wenn ich aber bedenke, wie bereitwillig du aus Liebe zu mir das Leiden annimmst, was soll ich dann von mir sagen, da ich mich so sehr sträube, für dich zu leiden.

Was soll ich sagen beim Vergleich deiner Demut mit meinem Stolz? Da ich dich auf einem gewöhnlichen Lasttier daherkommen sehe, stelle ich mir vor, du würdest als ein Lehrer auf der Kanzel erscheinen, um mich Demut zu lehren. Du erklärst mir, dass, obwohl du danach verlangt hast, alle zu retten, dennoch nur die Demütigen Rettung und Heil finden werden. Lob und ewiger Dank sei dir, o mein Jesus, dass du, aus Sehnsucht nach meinem Heil, dich nicht damit begnügt hast, mich die Demut mit Worten zu lehren, sondern auch durch dein Beispiel. Teure Demut, dich liebe ich, nach dir verlange ich! Aber ach, allmächtiger Herr, der du um jede einzelne Seele besorgt bist, komme mir zu Hilfe in meiner Armseligkeit, damit ich nicht selbst da, wo ich demütig sein will, mich der Demut als Mittel zur Eitelkeit bediene.

Vorsatz - Beweggrund zur Demut soll mir die Ungewissheit sein, ob ich Gott wahrhaft liebe und ob ich wirklich demütig bin. Es scheint mir zwar, als hätte ich Gesinnungen der Liebe und Demut; jedoch wer weiß, ob meine Eigenliebe mich nicht täuscht?

 

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Letzte Änderung: 28.01.2012 um 00:41

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